GARTEN DER HOFFNUNG: Der Mecklenburger Regisseur hat mit seiner Kamera einen besonderen Ort in der Schweriner Plattenbausiedlung „Großer Dreesch“ erkundet und dabei ein Stück Menschlichkeit dokumentiert. Bewohner*innen aus verschiedenen Ländern und sozialen Schichten schaffen an Blumen- und Gemüsebeeten in einem Nachbarschaftsgarten einen Begegnungsraum, an dem Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern. Der Dokumentarfilm lässt die Protagonist*innen aus ihrem Leben erzählen. Familie, Beruf, aber auch Einsamkeit, Trauer und Krieg werden dabei erwähnt. Doch der Zusammenhalt in einer nachbarschaftlichen Gemeinschaft gibt Rückhalt und bietet Platz für neue Begegnungen. Sprachbarrieren überwinden die Neu- und Altschweriner*innen mit gutem Willen und Humor. Es wird gegraben, gesät, geerntet, musiziert, zusammen gegrillt – und sogar eine beeindruckende Kollektion von Eulen präsentiert. Hoffnungen und Talente von Alteingesessenen und Geflüchteten, Alleinerziehenden, Familien mit Kindern und Rentner*innen entfalten sich – ein „Wir“ entsteht.
Dieter Schumann lud sein Team und etliche der Mitwirkenden nach Ende des Vorstellung auf die Bühne, bedankte sich bei ihnen und wandte sich zu später Stunde an sein Publikum: Er habe mit dem Film Brücken bauen wollen. Auch zeigte er sich erfreut über die wieder existierende und funktionierende Filmförderung in Mecklenburg-Vorpommern: „Dadurch können solche Filme entstehen.“ Über das 35-jährige Bestehen des FILMUNSTFESTs MV, das er 1991 mitbegründete, sagte Schumann: „Dass das Festival als solche Community gewachsen ist, ist wunderbar.“ 35 Jahre seien ein halbes Menschenleben. Er wünschte dem Festival weitere erfolgreiche 35 Jahre.
Vor der Projektion des Eröffnungsfilms hatte die Eröffnungszeremonie des FILMKUNSTFESTS MV auf originelle Weise begonnen: Moderatorin Thelma Buabeng gab ihren Einstand in Schwerin und verkündete, sie wolle den Saal mit Freude und Liebe füllen. Prompt animierte sie die Zuschauer*innen im Capitol, aufzustehen und zu tanzen, was bis hin zu den Honoratior*innen in der ersten Reihe befolgt wurde.
Volker Kufahl, künstlerischer Leiter des Festivals und Geschäftsführer der FILMLAND MV gGmbH ging als erster Redner ebenfalls auf die Verdienste des Lokalmatadors und Filmpioniers Dieter Schumann ein. Über 40 Jahre lang habe er Mecklenburg-Vorpommern filmisch porträtiert und als filmpolitischer Aktivist zugleich mitgestaltet: „Wir – und damit meine ich das Festival und den Regisseur – hätten gar nichts dagegen, wenn die Wahl dieses Eröffnungsfilms auch als Signal verstanden würde: Für die Kraft von Geschichten, die manchmal direkt vor unserer Haustür liegen, und die jemand aufheben sollte.“ Kufahl appellierte an die Filmförderung, sich um die Talente aus dem eigenen Land zu bemühen, damit solche Stoffe auch zukünftig erzählt würden und stellte das Festival als Podium für ähnliche künftige Filme in Aussicht.
Im vollbesetzten Saal 1 des Festivalkinos Filmpalast Capitol, das, wie Kufahl erwähnte, dieses Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, begrüßte er die Festivalgäste des Abends. Unter ihnen befanden sich Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, der Oberbürgermeister a.D. Dr. Rico Badenschier, der neue Oberbürgermeister und amtierende Stadtpräsident Sebastian Ehlers sowie der isländische Botschafter Auðunn Atlason, der isländische Regisseur Jón Einarsson Gústafsson sowie weitere namhafte Vertreter*innen aus Politik, Medien und Filmindustrie. Bevor er alten und neuen Sponsoren des Festivals dankte, war Volker Kufahl auf das filmische Schaffen des diesjährigen Gastlands Island sowie das kulturelle Begleitprogramm eingegangen. Dabei erwähnte er insbesondere den Dokumentarfilm EIN TAG OHNE FRAUEN. Dieser dokumentiert den Generalstreik isländischer Frauen im Jahr 1975, der die – heute weitestgehend erreichte – Gleichstellung der Geschlechter in dem nordeuropäischen Land einläutete. In einer politisch so trüben Zeit wie der jetzigen sende dieses Werk, ebenso wie der Eröffnungsfilm, die Botschaft, selbst zu handeln und die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, so Kufahl.
Auch das musikalische Begleitprogramm stammte Dienstagabend aus Island. Das Trio LÓN, bestehend aus Valdimar Guðmundsson, Ásgeir Aðalsteinsson, and Ómar Guðjónsson formierte sich während des Lockdowns 2020 am isländischen See Þingvallavatn. Begleitet von zwei akustischen Gitarren und einem Tasteninstrument spielten sich die drei Isländer in die Herzen des Publikums. Mit ihrem melodischem, zu Herzen gehenden Sound hatten sie die Schweriner*innen bereits am Montagabend mit einem kostenlosen Konzert auf dem Schweriner Marktplatz erfreut. Auch im Capitol kam ihre Musik gut an und setzte willkommene musikalische Akzente zwischen den verschiedenen Programmpunkten des Abends.
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig skizzierte angesichts des 35. Jubiläums des FILMKUNSTFESTs MV seine gewachsene Bedeutung im Laufe der Jahrzehnte von seinen bescheidenen, aber anspruchsvollen Anfängen hin zu einer Veranstaltung mit überregionaler Bedeutung. Sie gratulierte dem Festivalkino Capitol, das sie als eines „der schönsten Kinos im Land“ bezeichnete, zum 90. Geburtstag. Dabei sprach sie sich für eine Renovierung und den Erhalt aller Kinos in MV aus und dankte dem Publikum, ohne das Kino auf der großen Leinwand nicht möglich sei. Auch trat sie für die künstlerische Freiheit kultureller Events wie des FKF MV ein und betonte, dass Politik sich dort inhaltlich nicht einzumischen habe. Dabei unterstrich sie auch die besondere Organisation der Filmförderung in Mecklenburg-Vorpommern, die durch die Bündelung der Mittel in der MV Filmförderung GmbH nun deutlich besser aufgestellt sei.
Auch der Botschafter Islands, Auðunn Atlason, war persönlich in Schwerin erschienen und erwähnte in seiner Rede, dass er den Streik der isländischen Frauen 1975 in seiner Familie durch seine Mutter als Kind hautnah erlebt habe. Auch Männer in Island seien heute stolz auf dieses Ereignis, das dazu geführt habe, dass Frauen heute gleiche Chancen hätten wie Männer und ihr volles Potenzial ausschöpfen könnten. Dass Frauen heute hohe politische Posten wie Ministerpräsidentin, Präsidentin und Außenministerin besetzten, sei in Island heutzutage kein großes Thema mehr. Er ging mit viel Witz auf die isländische Tradition des Geschichtenerzählens ein und hob hervor, mit den Mitteln der Botschaft Islands gern das FILMKUNSTFEST MV unterstützt zu haben.
Moderatorin Thelma Buabeng stellte die Mitglieder der vier Wettbewerbs-Jurys vor – darunter die Jury des Spielfilmwettbewerbs mit Henk Handloegten, Barbara Philipp und Aelrun Goette – und entlockte ihnen charmant kurze Statements. So kamen die jüngsten Juror*innen, die den Kinder- und Jugendfilmpreis Leo vergeben, ebenso zu Wort wie gestandene Filmschaffende und Kritiker*innen. Aelrun Goette nutzte die Gelegenheit, auf die prekären Arbeitsverhältnisse von Filmschaffenden und die Bedeutung von Förderung und Stipendien aufmerksam zu machen.
Mit dem WIR-Vielfaltspreis der überparteilichen Initiative „WIR. Erfolg braucht Vielfalt" wurde Dieter Schumann ausgezeichnet, der sichtlich erfreut den Preis entgegennahm und ihn seinen Schweriner Protagonist*innen, der Gemeinschaft der Nachbarschaftsgärtner*innen, widmete.
Die dotierten Drehbuchstipendien „Film residence Mecklenburg-Vorpommern" im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop erhielten in diesem Jahr erneut zwei Filmschaffende. Mit Christian Petzold wurde ein besonders profilierter deutscher Filmemacher mit dem Ehrenstipendium geehrt. Leider konnte er krankheitsbedingt seinen Preis nicht entgegennehmen und grüßte das Schweriner Publikum per Videobotschaft. Das Förderstipendium 2026 erhielt der Drehbuchautor und Regisseur Henning Beckhoff. Auch er schloss sich in seiner Dankesrede dem Anliegen Goettes an und betonte, seinen Aufenthalt in Ahrenshoop zum Schreiben und zur Recherche seines neuen Projekts zu nutzen.
